AWH-Standard
Auch: AWH-Verfahren · Handwerkskammer-Bewertung · Bewertung von Handwerksbetrieben
Kurz gesagt
Der AWH-Standard ist das Verfahren, mit dem die Betriebsberater der Handwerkskammern und Fachverbände bundesweit Handwerksbetriebe bewerten. Er wandelt das Ertragswertverfahren des Wirtschaftsprüfer-Standards IDW S 1 für kleine, inhabergeprägte Betriebe ab. Sein Kern: Die betrieblichen Risiken, allen voran die Abhängigkeit vom Inhaber, fließen als Zuschläge in den Kapitalisierungszins und nicht als Abschläge in den Gewinn.
Wofür steht AWH?
AWH steht für die Arbeitsgemeinschaft Wertermittlung im Handwerk, die der Zentralverband des Deutschen Handwerks zusammen mit Betriebsberatern der Handwerkskammern und Fachverbände gebildet hat. Der Zentralverband spricht auch vom AWH-Verfahren, umgangssprachlich ist oft von der Handwerkskammer-Bewertung die Rede. Gemeint ist in beiden Fällen die Bewertung von Handwerksbetrieben durch die Betriebsberater der Handwerkskammer oder des Fachverbands.
Das Verfahren wurde nicht neben den anerkannten Bewertungsstandard gestellt, sondern aus ihm abgeleitet. Der Zentralverband beschreibt es selbst als zielgerichtete Abwandlung eines Standards, der in erster Linie für Kapitalmarktzwecke entwickelt wurde. Das ist der entscheidende Punkt für die Einordnung: Wer einen Handwerksbetrieb mit zwölf Beschäftigten nach einem Verfahren bewertet, das für börsennotierte Gesellschaften gedacht ist, bekommt eine Zahl, die mit der Wirklichkeit dieses Betriebs wenig zu tun hat. Der AWH-Standard schließt genau diese Lücke.
Wie rechnet der AWH-Standard?
Gerechnet wird wie beim Ertragswertverfahren: Der nachhaltig erzielbare Ertrag wird ermittelt und mit einem Kapitalisierungszins auf heute abgezinst. Die Besonderheit steckt im Zins. Das Handbuch sagt ausdrücklich, dass er im AWH-Standard regelmäßig höher ausfällt als bei anderen Bewertungsverfahren, und nennt den Grund: Andere Verfahren ziehen Risiken und Inhaberabhängigkeit vom Ergebnis ab, der AWH-Standard rechnet sie ausschließlich in den Zins ein. Ein höherer Zins bedeutet deshalb nicht automatisch einen niedrigeren Wert.
Zusammengesetzt wird er aus mehreren Bausteinen: einem Basiszins, einem Immobilitätszuschlag, acht einzelnen Risikozuschlägen und einem eigenen, hoch gewichteten Zuschlag für die Inhaberabhängigkeit. Vor der Rechnung steht derselbe Schritt wie überall: die Bereinigung des Ergebnisses, insbesondere der Ansatz eines marktüblichen Unternehmerlohns. Im Rechenbeispiel des Handbuchs ergibt das einen Zins von 26 Prozent vor und 19 Prozent nach Einkommensteuer. Der Wert liegt dann bei gut dem Fünffachen des nachhaltigen Gewinns nach Steuern.
Was sagt der AWH-Standard über seine Grenzen?
Bemerkenswert an dem Handbuch ist, wie offen es die eigene Reichweite beschreibt. Gleich zu Beginn steht, dass auch eine durchgeführte Bewertung nicht gewährleistet, dass das Ergebnis dem Kaufpreis entspricht, und dass dieser allein durch die Verständigung zwischen Übergeber und Übernehmer bestimmt wird. Der Folgesatz gehört dazu: Eine Bewertung liefere aber wichtige Anhaltspunkte für die Preisbildung.
Wie nah Wert und Preis beieinanderliegen können, zeigt eine im Handbuch zitierte Untersuchung aus dem Jahr 2012: Bei 48 Handwerksbetrieben, die nach einer AWH-Bewertung verkauft wurden, lagen die Kaufpreise im Mittel sehr nahe an den errechneten Werten. Ebenso offen sagt das Handbuch, was die Bewertung nicht ist: Die Berater der Kammern arbeiten nicht als Gutachter, sondern geben eine Orientierungshilfe, und das Ergebnis ist ausdrücklich keine Grundlage für Rechtsansprüche.
Was das praktisch bedeutet
Für Verkäufer
Wer einen Handwerksbetrieb übergibt, trifft häufig auf dieses Verfahren, weil die Kammern damit arbeiten. Aufschlussreich ist, welcher Zuschlag woher kommt: Die Zuschläge sind die Stellschrauben, an denen sich in den Jahren vor der Übergabe tatsächlich etwas verändern lässt.
Für Käufer
Für Käufer ist der AWH-Wert ein nachvollziehbarer Ausgangspunkt, weil die Herleitung offenliegt. Er ist aber kein Marktpreis, sondern eine Rechnung mit begründeten Annahmen.
Geprüft an der Quelle
Deshalb ergibt sich im AWH-Standard ein Kapitalisierungszinssatz, der regelmäßig höher ist als bei anderen Bewertungsverfahren.
Zentralverband des Deutschen Handwerks, AWH-Handbuch Version 5.3 (Stand 22.10.2025), S. 35
Für die einzelnen Risikozuschläge sind Ober- und Untergrenzen angegeben. Die Zuschläge können zwischen 0% und 2% liegen.
Selbst nach der Durchführung einer solchen Bewertung ist nicht gewährleistet, dass das Ergebnis automatisch dem Kaufpreis entspricht. Dieser wird allein durch den Preis bestimmt, über den sich Übergeber und Übernehmer verständigen können […]. Eine Unternehmensbewertung liefert aber wichtige Anhaltspunkte für die Preisbildung.
