Ertragswertverfahren
Auch: Ertragswertmethode · Ertragswert
Kurz gesagt
Das Ertragswertverfahren ermittelt den Unternehmenswert aus den Erträgen, die künftig erwartet werden. Der nachhaltig erzielbare Jahresertrag wird geschätzt, um den kalkulatorischen Unternehmerlohn bereinigt und mit einem Kapitalisierungszinssatz auf den heutigen Tag abgezinst. Neben dem DCF-Verfahren ist es die Methode, die der Bewertungsstandard der Wirtschaftsprüfer vorsieht, und in deutschen Gutachten die gebräuchliche.
Wie wird der Ertragswert berechnet?
Die Rechnung hat drei Schritte. Zuerst wird aus den Zahlen der vergangenen Jahre ein nachhaltig erzielbarer Ertrag abgeleitet, also der Betrag, der sich Jahr für Jahr wiederholen lässt. Einmalige Effekte fliegen heraus, ebenso privat veranlasste Kosten. Dann wird ein Kapitalisierungszinssatz bestimmt, der ausdrückt, welche Rendite ein Käufer für dieses Risiko erwartet. Zuletzt wird der Ertrag durch diesen Zinssatz geteilt. Fachleute sprechen auch von der Ertragswertmethode. Zusammen mit dem DCF-Verfahren bildet sie die Gruppe der Zukunftserfolgswertverfahren.
Ein Beispiel: Ein Betrieb erwirtschaftet nach Abzug eines marktüblichen Geschäftsführergehalts nachhaltig 120.000 Euro im Jahr nach Steuern. Bei einem Kapitalisierungszinssatz von 12 Prozent ergibt sich ein Ertragswert von einer Million Euro. Steigt der Zinssatz auf 15 Prozent, sind es nur noch 800.000 Euro.
Daran sieht man das Wesentliche: Der Zinssatz bewegt den Wert stärker als jede Feinheit in der Ertragsschätzung. Deshalb ist die Herleitung des Zinssatzes die Stelle, an der ein Gutachten zuerst gelesen wird.
Ob vom Ergebnis danach noch Schulden abgehen, hängt davon ab, wie der Ertrag gerechnet wurde. Die Bundessteuerberaterkammer beschreibt den Unternehmenswert in ihren Hinweisen zur Bewertung kleiner und mittelgroßer Unternehmen als Barwert der Nettozuflüsse an die Eigentümer. Die Zinsen für Bankdarlehen sind dann schon abgezogen, das Ergebnis ist bereits der Wert für die Eigentümer. Wer die Schulden anschließend über die Equity Bridge noch einmal abzieht, zählt sie doppelt. Der AWH-Standard der Handwerkskammern rechnet dagegen ohne Finanzierung und zieht übernommene Verbindlichkeiten erst danach vom Wert ab.
Warum der Unternehmerlohn über den Wert entscheidet
Bei kleinen und mittleren Unternehmen steht und fällt das Ergebnis mit einer einzigen Position: dem kalkulatorischen Unternehmerlohn. Wer als Inhaber kein Geschäftsführergehalt bucht oder ein sehr niedriges, weist einen Gewinn aus, der die eigene Arbeitskraft enthält. Diese Arbeitskraft geht mit dem Verkauf verloren und muss vorher abgezogen werden.
Die Bundessteuerberaterkammer ist in ihren Hinweisen zur Bewertung kleiner und mittelgroßer Unternehmen an diesem Punkt deutlich: Der Ansatz ist auch dann vorzunehmen, wenn der Betrieb dadurch rechnerisch in die Verlustzone rutscht. Dasselbe gilt für Angehörige, die unter Wert mitarbeiten.
Wie die Bereinigung im Einzelnen läuft, steht unter bereinigtes EBIT.
Wann wird ein Ertragswertgutachten gebraucht?
Für den freien Verkauf schreibt niemand ein Verfahren vor. Üblich ist ein Ertragswertgutachten dort, wo ein Wert nicht verhandelt, sondern festgestellt werden muss: bei Erbauseinandersetzungen, beim Zugewinnausgleich nach einer Scheidung, bei Abfindungen ausscheidender Gesellschafter, im Gesellschafterstreit und vor Gericht. Die Wirtschaftsprüfer folgen dabei ihrem Standard IDW S 1, der am 11. Februar 2026 in einer Neufassung verabschiedet wurde und die Fassung von 2008 ersetzt.
Davon zu trennen ist die steuerliche Kurzform. Das vereinfachte Ertragswertverfahren der Finanzverwaltung rechnet mit einem festen Faktor und dient der Erbschaft- und Schenkungsteuer. Es soll zwar den Verkaufswert schätzen, weicht davon aber häufig ab, weil der Faktor für jeden Betrieb gleich ist.
Warum weicht der Kaufpreis vom Ertragswert ab?
Ein Ertragswert ist eine Rechnung unter Annahmen, kein Marktpreis. In einer juristischen Dissertation der Universität Hamburg aus dem Jahr 2026 wird das nüchtern festgehalten: Bei der Unternehmensbewertung wird ein Kompromiss gefunden und kein allgemeingültiger, wissenschaftlich bestimmbarer Wert.
Am Markt wird bei kleineren Betrieben ohnehin meist anders gerechnet, nämlich über Multiplikatoren. Der Ertragswert liefert dann die zweite Meinung.
Nach unten begrenzt wird das Ganze betriebswirtschaftlich vom Liquidationswert, also dem, was die Einzelteile nach Abzug von Schulden und Abwicklungskosten bringen: Bringt die Zerschlagung mehr als die Fortführung, gilt in der Regel dieser Wert. Liegt der Ertragswert unter dem Substanzwert, lässt der AWH-Standard der Handwerkskammern den Substanzwert gelten, wenn der Betrieb fortgeführt und seine Substanz weiter genutzt wird. Im Steuerrecht darf der Substanzwert bei einer Ertragsbewertung nicht unterschritten werden.
Was den Unterschied zwischen Wert und Preis ausmacht, steht unter Unternehmenswert.
Was das praktisch bedeutet
Für Verkäufer
Ein Gutachten ist teuer und für den freien Verkauf selten nötig. Gebraucht wird es, wenn ein Wert gegenüber Dritten begründet werden muss: Miterben, Mitgesellschafter, Finanzamt, Gericht. Für das Verkaufsgespräch reicht meist eine Multiplikatorrechnung plus saubere Bereinigung.
Für Käufer
Käufer prüfen ein vorgelegtes Ertragswertgutachten meist zuerst an zwei Stellen: Wie wurde der Kapitalisierungszinssatz hergeleitet, und ist ein marktüblicher Unternehmerlohn abgezogen? Fehlt der Unternehmerlohn, ist der Wert systematisch zu hoch.
Geprüft an der Quelle
Die Bereinigung von Erfolgsbeiträgen und/oder die Berücksichtigung von kalkulatorischen Vergütungen können dazu führen, dass der Zukunftserfolgswert des Unternehmens unterhalb des Liquidationswerts liegt oder sogar negativ ist. In diesen Fällen ist i. d. R. davon auszugehen, dass der Unternehmenswert dem Liquidationswert entspricht.
Bei der Unternehmensbewertung wird vielmehr ein Kompromiss als ein allgemeingültiger wissenschaftlich bestimmbarer Wert gefunden.
